Die alte Frau

Als ich klein war, ging ich ab und zu zu einer alten Frau ein paar Häuser weiter. Frau M. war sehr nett, immer wenn ich kam hatte sie Kekse oder Kuchen, und machte Kakao für mich. Es faszinierte mich immer, daß Frau M. stets gut gekleidet war; eine rüschige Bluse, ein dunkler wadenlanger Rock. Dazu trug sie diese Art von Schuhen, etwas klobig aber femininer als Männerschuhe und mit Absatz, die mich immer an Daisy Duck denken ließen. Daisy Duck Schuhe. Meine Oma, die sich für solches Schuhwerk noch zu jung fühlte, nannte sie Altweiberschuhe.

Frau M. trug ihr schlohweißes Haar sorgfältig mit Hornkämmen hochgesteckt. Den Kakao goß sie mir in eine schöne Tasse aus ihrem Service, mit Veilchenmuster und Goldrand, Gebäck gab es auf passenden Tellern. Ein paar Blumen aus dem Garten in einer Vase auf dem Tisch. Ich kannte das zuhause nur von Sonn- und Feiertagen, sonst gab es bei uns nur Becher und die Allltagsteller. Aber hier! Das „gute Porzellan“. Tischdecken. Spitzendeckchen.  Es roch nach Veilchen und Möbelpolitur. Das alles blieb so, bis sie krank wurde und sehr bald darauf starb.

Meine Kindheit war schön. Und sie ist lange her. Ich und so ziemlich alle meine Freunde in der ersten Schulklasse wollten nach der Mondlandung Astronauten werden. Vielleicht dereinst durch das All fliegen, wie Captain Kirk. Nichts schien unmöglich, sogar ein Überschall-Verkehrsflugzeug gab es schon!
Natürlich kam alles ganz anders, nicht zuletzt wegen drei schweren Verkehrsunfällen und zwei Arztbesuchen. Die Folgen der Unfälle bekamen die Ärzte relativ gut in den Griff, mit dem Folgen kann ich leben. Als aber der Hautarzt das erste Mal scharf die Luft durch die Zähne zog, war ich wie betäubt. Beim zweiten mal war ich dafür erstaunlich gelassen. Das kannte ich schon, bestimmt würde alles gut, wie beim letzten Mal 

Ich habe mich mit meinem Alter vielleicht deshalb gut arrangiert, weil ich manchmal dachte, ich würde es nicht mehr erleben. Zugegeben, als dann irgendwann „Altersfleck“ oder „Alterswarze“ als Diagnose kam, war ich zuerst nicht so angetan. Vielleicht war das nur die Überraschung, weil ich mich innerlich schon gegen „bösartig“ gefeit hatte. Den Kampf womöglich zu verlieren, was Schmerzen und Sichtum bedeuten würde. Ja, das wird es wohl sein. 

Es war eine lange Reise hierher. Im Kindergarten gab es immer Tomatensuppe mit Reis, das fällt mir jetzt und hier beim Schreiben ein. Erstaunlich, woran man sich irgendwann erinnert, aber kommen Sie mal in mein Alter. Die Tomatensuppe gab es immer Dienstags. Im Idealfall bekam ich vorher meinen Lebertran eingeflößt (ein Hallo an den @MannvomBalkon), dann blieb der Geschmack nicht so lange im Mund. Man hätte mir zum Nachspülen ja auch etwas zu trinken geben können, irgendwas mit hunterttausend Farbstoffen und E-Nummern. Man war da ja noch nicht so kleinlich.
Hätte. Dabei denke ich an meinen Ex, wegen dem ich mein Studium sausen ließ. War es das wert, für die zwei Jahre bis er mich abservierte, und wo wäre ich heute? Dings, Fahrradkette. Nun habe ich ihn schon 20 Jahre überlebt, wie so viele andere von damals. Bis vor nicht allzu langer Zeit ging das mit AIDS ganz schnell. Auch meinen lieben Freund Jeffrey hat es mir noch genommen, das war 1999, schon wieder 17 Jahre rum.

„’cause tonight we´re gonna party like it´s 1999“. Wie weit in der Zukunft das alles schien. Aber wohl schon näher als zehn Jahre davor, als alles noch „2000“ war. Disco 2000, Zahnpasta 2000, alles war zukunftsgerichtet, und 2000 war die magische Zahl.
Alles würde bis dahin gut, das war die Message. Hunger und Armut raus, Raumstationen rein, der Mensch würde nur noch drei Stunden am Tag arbeiten; so war die Prognose. „Esst mehr Fisch“ hieß es damals noch, die Meere seien quasi unerschöpflich. Kabeljau war so billig, daß wir ihn an unsere Katze verfüttert haben. Tja nun.

Im Lauf der Zeit habe ich wohl einen gewissen Zynismus entwickelt. Das, so habe ich mir sagen lassen, ist die Folge von Enttäuschungen und damit unvermeidlich. Ich habe die halbe Welt gesehen, das gute wie das Schlechte. Insgesamt bin ich toleranter, suche Frieden mit Menschen, gegen die ich aufgebracht war, habe flexiblere Standpunkte und bin debattierfreudiger, wo es das Thema wert scheint.
Weniger tolerant bin ich mittlerweile gegenüber Menschen, die Spielchen spielen oder mich manipulieren wollen; was eben nicht mehr so leicht ist, wie es einmal war, weil man irgendwann gewisse Muster schneller erkennt. Auch wenn ich das Gefühl bekomme jemand verschwendet meine Zeit, bin ich gnadenlos. Wohl weil die verschwendbare Zeit immer knapper wird. 

Hier bin ich also, abseits aller Pläne, weder Astronaut noch Musiklehrer, habe weder eigenes Haus noch Kinder, aber einen lieben Partner und  ein aufgeräumtes Leben. Die kleinen Zipperlein werden natürlich immer mehr, und ja, manchmal nervt es. Mein Hausarzt geht bald in Rente. Ich gehe auf mehr Beerdigungen als Hochzeiten und Taufen. Da muß man durch, denke ich, das alles haben schon Milliarden vor mir erlebt. Keiner kommt hier lebend raus, das ist kein Defätismus sondern schlichte Realität. Mein Gemüt suche ich generell sonnig zu halten, schon als Ausgleich dafür daß ich meine Haut von der Sonne fernhalten soll. Sonne macht eh nur Falten, und davon habe ich auch so genug.

Ich denke an Frau M. Ich benutze täglich mein gutes Porzellan. Auch habe ich stets Blumen in einer Vase. Frau M. hatte einiges hinter sich, wie ich viel später erst erfahren habe. Ganz ehrlich, mit ihr würde ich nicht tauschen wollen.

Worum ging es noch eigentlich? Älter werden? Ach, die paar Kilos, die paar Falten.

Über George

Bild: "Selbstbildnis mit iPad und brennender Nase" im futuristisch retro-kubistischen Knorpelstil. Über mich erzählen könnte ich einiges, aber das würde nur alle verprellen...
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7 Antworten zu Die alte Frau

  1. Pingback: #älterwerden | Quadratmeter

  2. Lakritze schreibt:

    Das ist, ach, klasse.

    • George schreibt:

      Dankeschön! Ich habe so oft angefangen und wieder verworfen, am Ende habe ich einfach drauf los geschrieben. Das fällt mir jetzt selber auch ein wenig ins Auge, aber ich lass das jetzt so.

  3. entegut schreibt:

    Was für ein schönes und entspanntes Lächeln du mir auf die Lippen gezaubert hast. Trotz alledem zwischen den Zeilen Wehmut herauszulesen ist. Man arrangiert sich mit gewissen Begebenheiten, das Rebellentum köchelt nur mehr leise und man gibt sich mit vielem zufrieden, das früher noch nicht „alles“ gewesen sein kann.
    Frau „M“ – hieß bei mir Tante G und Tante E – es mussten alle als Tanten angesprochen werden, obwohl sie keine Tanten für mich waren. Tante G besuchte ich in einem Kaffeehaus, das erst am frühen Abend aufsperrte. Am Nachmittag habe ich meine Aufgaben gemacht und ihr dann geholfen. Silbertassen mussten mit Sidol blank geputzt werden. Eine schmutzige Arbeit, aber Tante G’s Rüschenschürze blieben blütenweiß und fein gestärkt ohne einer eingebügelten Falte. Tante E war nicht so oft da, sie lebte in Rom und hatte eine rauchige Stimme und einen herrlichen Humor. Sie hat mir einmal bei einem Grammatikhänger den ich in der Schulzeit hatte, im Freibad Nachhilfe gegeben. Mit einer Engelsgeduld! G und E gibt es nicht mehr, aber in meinem Herzen leben sie weiter und prägen nach wie vor mein Sein.
    Lieber G, wärst du Astronaut geworden, hätten wir uns vermutlich nie kennengelernt. Daher ist alles so gut, wie es ist!

    • George schreibt:

      Liebe D. , du Schatzl

      Da sprichst du mir aus dem Herzen. Bei mir waren es die Oma, Frau M. , und meine liebe Kollegin, wie du weißt. Eigentlich noch viele andere, mir ist im Leben so viel an Liebe, Zuneigung und Hilfe zuteil geworden, das lässt mich das Negative zurückstellen. Es gehört auf die hinteren Plätze, sonst beherrscht es einen.

      Das bedeutet ja nicht, daß man nicht mal hadern, zögern oder sich fürchten könnte. Da denke ich gerade wieder an in Bild, das du vor langer Zeit auf deinem alten Blog gepostet hast; die zwei alten Leute, die auf einer Bank sitzen und geminsam in die Ferne schauten. Das Bild hat mich auf so vielfältige Weise berührt, daß mir mein Gefühlscocktail gleich aus den Augen gelaufen ist.

      (Wir sollten uns bald mal wieder sehen, jünger werden wir nicht)

  4. blogbellona schreibt:

    ein schöner eintrag. auch wenn er mich in meiner derzeitigen situation traurig sein lässt. mein papa musste viel zu früh gehen und ich komme nicht damit zurecht. ich hänge im hätte, könnte, sollte. dabei weiß ich, es bringt nichts. und vor allem HABEN und KONNTEN wir noch so schöne erlebnisse in den letzten zweijahren genießen, so wie man das immer SOLL! ♥

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