Ein Freund, ein guter Freund…

So, ich habe meinem ältesten und einst besten Freund die Freundschaft entzogen. Leicht war es nicht, irgendwie hängt man doch an Menschen, die ein Bindeglied zu alten Zeiten und vielen Ereignissen sind, zumindest ab einem gewissen Alter. Wir haben viel zusammen durchgemacht, hatten viel Spaß, hatten vieles gemeinsam. Doch die Gemeinsamkeiten sind irgendwie weggeschrumpft. Menschen ändern sich mit der Zeit, und er hat sich stark verändert.

Achtung: Kein Lesezwang. Es ist ja meine persönliche Kacke, und zu retten ist nichts mehr. Eigentlich schreibe ich das hier mehr für mich, um Gedanken zu sortieren. Schreiben hilft. Also…
Meine Probleme mit C. würde ich folgendermaßen auflisten:

1. Drogen. Ich bin da weiß Gott kein Unschuldsengel, aber er hat lange und stark über die Stränge geschlagen, womit er schon vor 20 Jahren unsere Freundschaft gefährdete, sich selbst schädigte, und seine Kifferei ist mir einfach zu viel.
Ich war noch nie bei ihm, ohne daß pro Stunde mindestens ein fetter Joint geraucht wurde. Er braucht für einen kurzen Satz zwei Minuten, bekommt Wortfindungsstörungen und verliert den Faden, wobei er immer „…tärä, tärää, täteräää…“ sagt (was mich auf Dauer rasend macht!).
Das ist wohlgemerkt nicht meine Hauptkritik, sondern steht an erster Stelle, weil ich darauf noch zurückkommen werde.

2. Er meldet sich kaum noch. Vielleicht alle zwei Monate, dann ruft er, der Nachtmensch, mich um 23 Uhr an, und redet mir für zwei Stunden das Ohr ab. Geht es um Filme, wo wir früher den gleichen Geschmack hatten, ist er grundsätzlich anderer Meinung, wird belehrend, und lässt meine Meinung nicht gelten. Er findet die ödesten Filme toll, vielleicht auch wegen Punkt 1. Ich finde auch einige Filme gut, die nicht perfekt sind, und weiß genau um ihre Schwächen. Das lasse ich dann halt gelten, und mache andere deswegen nicht nieder. Sorry, vieles was ihm gefällt fand ich halt nicht so toll. Das wäre mit fünf Tüten vielleicht anders gewesen.

3. Nochmal Film. Ich habe ihm einige Filme ans Herz gelegt, und meine DVDs geliehen. Die lagen teilweise Jahre unbeachtet herum. Keine Zeit. Aber für seine Lieblingsserien, die er aus den USA bestellt, hat er immer Zeit, da wird eine Staffel auch sieben Mal (ja!) nacheinander immer wieder angesehen. Irgendwann kam dann auch mal die Meldung, mann, dieser und jener Film wäre ja echt toll, den habe er im Fernsehen gesehen. War so bei Captain America. Die DVD liegt immer noch bei ihm. Kann er behalten.

3. DVD, und andere Technik: Ich habe ihm, weil er schon öfter ein Handy hätte gebrauchen können, ein paarmal angeboten, er könne mein Reservehandy haben. Nein, er wolle kein Handy, sowas braucht kein Mensch. Als sein Hund angefahren wurde habe ich es ihm nochmal angeboten, und er wurde richtig patzig. Nein, ein Handy komme ihm nicht ins Haus. Als ich einen neuen Blu-Ray Player gekauft habe, bot ich ihm meinen alten an, ein gutes Gerät, nicht das billigste. Nein, Blu-Ray sei Quatsch, DVD alles was man braucht. Bald darauf hatten die beiden einen Blu-ray Player, den gleichen wie ich jetzt. Neuerdings auch ein Handy…

4. Widerspruch. Wie aus 1-3. ersichtlich, wird mir stets widersprochen. Neulich meinte C. noch, er habe irgendwo eine Featurette über den neuen X-Men Film gesehen. Da seien wichtige Szenen geschnitten worden, die entscheidend zur Handlung beitrügen. Da nun die Blu-ray herauskommt, die er sich kaufen will, wies ich ihn darauf hin, daß im Januar ein Director’s Cut erscheint, mit besagten Szenen. Nee, das sei Blödsinn, und diese Szenen völlig unnötig.
Weiß er nicht mehr, was er gesagt hat? Oder widerspricht er um des Widersprechens willen? Um mir etwas zu signalisieren?
Noch etwas. Als ich ihm vor längerem irgend einen Film in 3-D empfohlen habe, wollte er nicht, 3-D sei scheiße, davon bekomme er immer Kopfschmerzen und fange an zu schielen. Komisch, bei allen 3-D Filmen, die er bis dahin gesehen hatte, waren wir früher zusammen im Kino. Und beklagt hat er sich nie, sondern fand das eher toll.
Irgendwann ging er dann auf jemand anderes Empfehlung hin in einen 3-D Film, und meinte zu mir, das sei ja echt toll gewesen, und er habe auch gar nicht geschielt. Er meinte dann, es täte ihm echt leid, diesen und jenen Film nicht in 3-D gesehen zu haben. Ich bot ihm an, ein paar davon bei mir anzusehen, er druckste nur herum, und das bringt mich schon zu

4. Besuch. Er war seit etwa sieben Jahren nicht mehr bei mir. Wenn ich ihn sehen wollte, fuhr ich immer zu ihm. Der Bus geht von mir um die Ecke in zehn Minuten zu ihm um die Ecke, also keine Viertelstunde Wegzeit. Er und sein Partner B. sitzen nur in ihrer Wohnung und halten dort Audienz.
Ich weiß nicht, wie es mit anderen Besuchern läuft oder ob es die gibt, aber wenn ich da war lief immer der Fernseher. Immer. Und während der Gespräche wurde auch immer wieder zum Fernseher hingesehen. Ich finde das störend, Wenn ich über ernste Themen rede, und mein Gegenüber fängt an, über Stefan Raab zu lachen, finde ich es sogar unverschämt.

5. Was unternehmen? Bei denen ein Stück die Straße runter gibt es immer ein schönes Stadtteilfest. Kunterbunt, mit Blasmusik, Bauchtanz, voll MultiKulti, schwul, lesbisch, Mann, Frau, und alle Schattierungen dazwischen. Ich liebe dieses Fest. Leider konnte ich C. und B. noch nie dorthin bewegen, die 50 Meter die Straße hinunter. Ich solle doch lieber zu ihnen hoch kommen, auf „die vielen Menschen“ hätten sie keinen Bock. auch habe ich stets im Nachhinein erfahren, daß C. Urlaub hatte, teilweise drei Wochen. Vorher hat er sich nie gemeldet; Gott behüte, ich hätte ihn ja fragen können ob wir gemeinsam etwas unternehmen wollen, oder hätte ihn zu mir eingeladen, dann hätte er wieder herumdrucksen müssen.

6. In den endlosen Monologen geht es nur darum was er toll findet, was ihm oder B. passiert ist, was ihrem Hund passiert ist. Bei unseren letzten Gespräch ging es um B. der am Wochenende eine halbseitige Gesichtslähmung bekam. Katastrophe! Die beiden haben dann wohl Gott und die Welt angerufen, darunter den Ex von B., einen Mediziner.
C: „…der sagte, das ist eine Fa… Fas…“
Ich: „Facialisparese.“
C: „Ja, stimmt, woher weißt du…?“
Ich: „Weil ich das letztes Jahr hatte.“
C: „Ach ja, stimmt. Du hast da irgendwas… na jedenfalls, der arme B., blablabla…“
Ist ja auch egal, wie es mir geht, und ob meine Lähmung jemals wieder wegging. Nach meiner Schulter wurde ja in vier Monaten auch nicht gefragt. Als ich in einem Dauertelefonat mal meinte, ich müsse jetzt dann aufhören, weil ich Schmerzen hätte, wurde ich glatt nach dem Warum gefragt.
Beim Verweis auf meine Schulter kam lapidar „Ich dachte, du hättest die nur ausgekugelt?“
Ach ja, ihr Hund war in eine Glasscherbe getreten und hat leicht geblutet, was natürlich schlimmer war, als daß unserer kaum noch laufen konnte.

Anyway. Dies alles ist nur ein kurzer Abriss. Ich brauche jedenfalls keine Freunde, die mich nur zulabern, die nicht einmal nachfragen können, wie es mir und meiner kleinen Familie geht, die mir keine Meinung lassen. Ich habe wohl zu lange aus Sentimentalität an etwas festgehalten, das schon lange nichts mehr mit der einstigen Freundschaft zu tun hat. Damit ist nun Schluss.

Lieber C., ich habe keine Ahnung, welches Problem du mit mir hast, ob überhaupt eines, oder ob du nur einsiedlerisch und merkwürdig wirst. Ich werde unsere schönen Zeiten immer in Ehren halten.
Und das war’s. Lebe wohl.

Über George

Bild: "Selbstbildnis mit iPad und brennender Nase" im futuristisch retro-kubistischen Knorpelstil. Über mich erzählen könnte ich einiges, aber das würde nur alle verprellen...
Dieser Beitrag wurde unter ich, Leben, Uncategorized abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Ein Freund, ein guter Freund…

  1. entegut schreibt:

    Lieber George,
    es dauert manchmal einige Zeit, bis man den Entschluss fasst, der schon längst fällig war. Sei nicht gekränkt, weil dein einstiger bester Freund sich nun als oberflächlich, gefühllos und dir gegenüber desinteressiert verhält. Er soll dich einfach a bissl moscherln. Lass dir deswegen auf keinen Fall die Sonne aus dem Herzen nehmen! Bussi!

    • George schreibt:

      Luebe Ente,
      Du alte Kümmerin, danke für deinen Kommentar. Ja, moscherln. Kreuzweis.
      Jetzt fällt es mir schwer zu glauben, daß ich mir das alles so lange habe bieten lassen. Wohl aus einer gewissen Sentimentalität heraus. Besagter Freund war neben meiner früheren Kollegin noch der einzige, der mich so lange kannte. Meine Bindeglieder zu meiner Zeit als junger Erwachsener, eine schwere, aber auch lustige und sehr wichtige Zeit.
      Jetzt ist sie tot, und er fällt aus besagten Gründen weg, und ich stehe mit den Erinnerungen aus jener Zeit alleine da. Und das, wo doch das Schönste an Erinnerungen ist, wenn man sie mit jemandem teilt. Traurig. Aber meinen Sonennschein hab ich trotzdem, das Hier und Jetzt ist auch schön. Beklagen will ich mich nicht, mir geht es soweit gut, ich habe genug Freundschaft und Liebe in meinem Leben.

  2. Prinz_Rupi schreibt:

    Klingt so, als ziehe die permanente Pafferei doch stärkere Wesensaänderungen nach sich als ich bislang gedacht hätte …

    • George schreibt:

      na ja, mal zur Entspannung, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich bin ja für die Legalisierung, weil ich Kiffen eigentlich für unschädlich halte. Aber wie bei allem, kann man es wohl auch damit übertreiben.

      Und wie gesagt, der hat ja in den 90ern geraume Zeit drogenmäßig ziemlich reingehauen, Ecstasy und Zeug geschluckt wie Smarties. Und das hat garantiert Spuren hinterlassen, derlei wurde ja schon öfter berichtet. Ist aber sein Problem. Für mich ist die Sache jetzt echt gegessen.

  3. Dexter Ward schreibt:

    Kann ich gut nachvollziehen. Ich hatte auch eine sehr gute Freundin, die Dauerkifferin war. Das steigerte sich über die Jahre immer mehr und sie veränderte sich, bekam viel nicht mehr auf die Reihe inklusive sich um ihr Kind zu kümmern. Ich wusste dann auch nicht mehr über was ich mit ihr reden sollte und irgendwann ist sie einfach verschwunden.
    Beste Freunde sind für mich wie Familie. Ich weiß nicht was die machen müssten, damit ich mit ihnen breche, aber ein Glück sind wir über die Jahrzehnte zwar verändert, aber nicht so sehr auseinandergedriftet.
    Was Dein Freund mit Dir gemacht hat, zeigt für mich im höchsten Maße Missachtung des anderen. Die Freundschaft hat er schon längst kaputt gemacht, Du hast nur sehr lange gebraucht Dich abzunabeln. Ist auch schwer. Gutmenschen wie wir versuchen immer was zu retten, aber irgendwann muss dann auch mal der Selbstschutz greifen🙂

    • George schreibt:

      Ich bin ja nun so, daß ich immer zuerst mich selbst ins Visier nehme. Liegt es an mir? Mache ich irgednwas, das den anderen auf die Palme bringt? Ich beobachte dann, und versuche zu analysieren, was die Gründe sind. Aber bei C. ist es wirklich völlig wahllos, die Sache mit den geschnittenen Szenen beim neuen X-Men ist ein Paradebeispiel.
      Außerdem haben die beiden in den letzten Jahren einige neue Leute kennengelernt, was ja unter Hundebesitzern relativ schnell geht. Geblieben ist davon nichts, irgendwie gab es wohl immer Zoff oder was, und der Kontakt wurde abgebrochen. Das sagt doch auch einiges.
      Nee, das Thema ist jetzt durch.

  4. wolkenbeobachterin schreibt:

    Das ist ja schon deprimierend, das nur zu lesen. Das zu erleben überragt dies noch um Einiges. Ich beglückwünsche Dich zu dieser Entscheidung. Wirklich fehlen kann Dir eigentlich nichts, was diesen Menschen angeht, oder? Höchstens die Erinnerung an gute bzw. bessere Zeiten mit ihm. Aber die sind ja schon lange vorbei. Alles Gute für Dich.

    • George schreibt:

      Ich danke dir für den lieben Kommentar. Ich komme hier zu gar nichts, das Leben hat mich fest im Griff😉
      Reisende soll man nicht aufhalten, kann man gar nicht. Ich habe mich jetzt gut damit abgefunden, daß unsere Wege sich trennen. Es bleiben schöne Erinnerungen, die kann einem keiner nehmen. Vielleicht denkt er ja von mir ähnlich, und denkt ich hätte mich von ihm entfernt…?
      In jedem Fall hätte ich mir mehr Offenheit gewünscht. Ein klares „Du, ich kann mit dir einfach nichts mehr anfangen“ tut weh, aber diese Anspielungen und kleinen Anfeindungen auf Dauer ja auch.

      Bei unserem letzten Telefonat erwähnte ich, daß „unser“ altes Kino, in dem wir früher so oft zusammen waren, abgerissen wird. Es war ein wirklich tolles Kino aus den 50ern, und ich hatte da viele tolle Stunden. Eben auch mit ihm. War ihm völlig egal. Da geht er schon lange nicht mehr hin, er wohnt ja nicht mehr in der Ecke, und überhaupt geht er nur in Kinos, in denen er Ermäßigung bekommt. Ganz pragmatisch und kaltschnäuzig. Tja…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s