Vorsicht! Baustelle!

Ich habe momentan nur Baustellen. Es zehrt langsam an mir. Die vergangenen paar Jahre sagte ich mir stets bei allem, was passierte, das sei nun mal so wenn man älter wird, „da kommt halt mal was daher“. Doch es summiert sich, zehrt und nagt an mir.

Die längste Baustelle ist meine Mutter. Alkohol und Depressionen, schon lange Zeit, immer die Hoffnung es würde besser, was es zeitweise auch tut. Bis zum Rückfall. Neulich wieder Hoffnung, sie will jetzt trocken werden, in Therapie gehen um endlich ihre Probleme aufzuarbeiten. Getrunken hat sie seither nichts, mit der Therapie wird es jedoch schwierig, weil die Therapeutin sie „unverschämt private Sachen gefragt hat“. Ähm, ja… Und überhaupt, seit letzter Woche liegt sie wieder mal im Krankenhaus, weil sie einen heftigen Anfall von Riesenzellenarteritis (Polymyalgia Rheumatica) durchleidet.

Zweite Baustelle ist mein bester Freund, bzw. vormals ebensolcher. Das ist längst keine Freundschaft mehr. Wenn ich nicht zu ihm komme, sehe ich ihn nicht. Wir wohnen nur ein paar Busstationen voneinander entfernt. Nicht einmal zu Straßenfesten direkt bei ihm an der Ecke kann man ihn aus dem Haus locken. Er meldet sich nur, wenn er gerade mal Lust hat, was meistens nach 23 Uhr ist, und quatscht mich dann für zwei Stunden nieder. Bevormundet mich, korrigiert meine Ansichten, Filme die ihm gefallen hab ich halt nur nicht kapiert, etc. Wir haben und weit voneinander entfernt, das hat keinen SInn mehr.

Tja, meine Schulter. Baustelle Nummer drei. Ausgekugelt, warum eigentlich? Ach ja, der Hund. Hat sich voll rentiert. Nun sind es bald drei Monate, und es geht nicht viel vorwärts, oder nicht so wie ich es gerne hätte. Bald wird die Krankenkasse mir die Physio streichen, dann muß ich sie halt selbst bezahlen. Jede falsche Bewegung schmerzt, alles ist so mühsam im Alltag, und das wird sich wohl noch Monate hinziehen.

Es nervt, alles nervt. Meine Schwester heult nur noch wegen meines Neffen, den ich schon lange in ein Erziehungsheim gesteckt hätte. Mein Schwager hat Kieferhöhlenkrebs. Meine beste Freundin nervt mich mit Aufmunterungsversuchen, weil sie „ihren lustigen George“ vermisst. Mäh… und von dem ganzen Chaos draussen in der Welt will ich gar nicht anfangen. Ich hätte gerne einen Tobsuchtsanfall oder einen Heulkrampf, ich denke nachher ginge es mir besser.

Über George

Bild: "Selbstbildnis mit iPad und brennender Nase" im futuristisch retro-kubistischen Knorpelstil. Über mich erzählen könnte ich einiges, aber das würde nur alle verprellen...
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12 Antworten zu Vorsicht! Baustelle!

  1. Dexter Ward schreibt:

    Autsch.
    Baustelle Eltern kommt wohl auf jeden zu, mit verschiedenen Pläsierchen, aber immer anstrengend. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal um meinen Vater kümmern werde (nie einen besonders enges Verhältnis gehabt) und nun hatte er nen Motorradunfall und wer kümmert sich seit 5 Wochen exklusiv um ihn?
    Aber den Gefühlsmix aus Ablehnung und Liebe kann ich gut nachvollziehen.
    Eine ausgekugelte Schulter schmerzt so lange? Renkt man sowas nicht ein und gut iss?
    Schon mit Osteopathie versucht? Hat mir schon bei den schlimmsten Schmerzen geholfen.
    Vielleicht brauchst Du so einen Sandsack zum Abreagieren, vielleicht reicht auch eine Badenudel…einfach drauflosdreschen. Habe ich auch schon überlegt.
    Kopp hoch Schwanz jeringelt.

    • George schreibt:

      Schulter ist das schlimmste, was Gelenkgeschichten angeht. Sagt mein Orthopäde („Da werden Sie noch laaange was von haben…“), und auch der Physiotherapeut. Ich mach ja Osteopathie, also Manuelle Therapie. Tut sauweh, weil der langsam alles wieder dehnen und beweglich machen muß, vor allem die Gelenkkapsel.
      Alle sagen das dauert mindestens noch ein halbes Jahr, und wird wohl nicht mehr so wie es war. Schöne Kacke.

      • Dexter Ward schreibt:

        Das ist ja gruselig. Im Film sieht das immer so easy aus😦
        Dann hatte mein Vater wohl Glück, dass nur das Schulterblatt zertrümmert war und nichts am Gelenk. Für sein Alter geht’s ihm damit schon echt gut.
        Was sollte ich also vermeiden, damit die Schulter nicht ausrenkt?

        • George schreibt:

          Alles vermeiden! Ich habe von meinem Physiotypen mittlerweile so viele Beispiele gehört, wie das passieren kann, ich bin fast verwundert daß es erst jetzt passiert ist. Von Handballspielen bis mit dem Fahrrad umkippen war alles dabei.

  2. doctotte schreibt:

    Ich würde ja gern fragen „Wo ist denn der lustige George?“, aber ein kleines Vögelchen hat mir verraten, dass das eher kontraproduktiv zu sein scheint. Gleichzeitig fühle ich mich etwas ratlos, wie man in der Situation von außen unterstützen kann.
    Lustigerweise musste ich aufgrund dreier Kunden die letzten Wochen viel an München denken (für einen musste ich was über die BMW-Welt schreiben, die ich damals mit Tanja besucht habe; eine Münchner Tierärztin riet mir schwer zu einem Urlaub in München und ein Münchner Hotelier wollte unsere Hilfe, damit wir sein Haus am Olympiapark vollkriegen – Letzterer ist leider eine schwer verständliche Nervensäge, die nicht begreift, dass unsere Chefs ihn gern als Kunden loswerden möchten).
    Vielleicht nützt es ja, wenn ich wenigstens in Gedanken bei Dir bin.

    • George schreibt:

      DER HAT AUSGANG!!!!!
      Was braucht es eigentlich noch, um dich nach München zu locken? Ich würde mir extra eine Grinsemaske basteln.
      Und natürlich weiß ich, daß man andere eigentlich mit solchem Geschreibsel überfordert. Ganz besonders, wenn man noch schreibt, man wolle nicht aufgeheitert werden. Ich musste es einfach irgendwie niederschreiben, aufschreiben hilft manchmal. Geplant waren einzelne Baustelleneinträge, aber wer soll das alles lesen?

      Also, wir sehen uns. Wann kommst du nochmal? 😉

      • doctotte schreibt:

        Es braucht vor allem Zeit, das ist momentan das größte Problem. Ich hätte zwar noch Urlaub übrig, aber wenn das Jahr so weitergeht, wüsste ich nicht einmal im Ansatz, wann ich den nehmen sollte.😦
        Ich hoffe, spätestens im kommenden Jahr München mal wieder heimsuchen zu können. Genaueres ist aber noch nicht geplant.

  3. idgie13 schreibt:

    Letzthin hab ich erst wieder an Dich gedacht (ich fahr in 2, 3 Wochen an München vorbei) und mich gefragt, wie es Dir so geht…

    Hm .. tönt alles nicht so wirklich toll. Die Baustelle mit Deiner Mutter kommt mir recht bekannt vor. Bei meinem Vater ist momentan auch wieder High-Life:-/. Ich hab davor kapituliert. Machtlos.

    Ich drück Dich einfach mal, wenn Du magst !!

  4. entegutallesgut schreibt:

    Frage nicht, welche Baustellen sich bei mir seit 3 Jahren auftun. Und jedes Mal wenn ich durchschnaufe, ein Loch zugeschüttet habe, tut sich schon wieder ein neues auf. Schön langsam reichts! Es könnte wieder mehr Ruhe im Alltag sein.
    Aufschreiben hilft übrigens sehr gut! Und wenn du nicht magst, dass es die anderen lesen, dann lass es als Entwurf.
    Es drückt dich das Wiener Mentscherl!

    • George schreibt:

      Enterl, mein liebes Mentscherl, es ist nicht leicht, und wird immer schwerer, finde ich. Kommt das alles so, wenn man älter wird? Baustelle auf Baustelle? Ich warte noch auf den ruhigen Spätsommer des Lebens, wenn leise Blätter in der sanften Brise des Alltags rascheln, und man zu zweit Händchen haltend auf einer Parkbank sitzt. Wenn einen Ruhe umfängt.

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