Früher war mehr Pogo

Empörung. Ich vermisse sie. Bei meinen Mitmenschen, nicht bei mir; ich bin voll davon. Der Anblick von Couch Potatoes, denen höchstens noch leichte Verpixlung oder Artefaktbildung auf der neu erworbenen Blu-Ray die Zornesröte ins Gesicht und eine saftige Ein-Stern Reznsion ins Amazon-Profil treibt („Siehste? Da? Bei 2.19 der Angora Pullover? Völlig unschaft. Und da? Die Cirrus Wolke bei 23:16, nur ein weißer Fetzen… und das nennt sich dann HD!“) , und die Erinnerung daran daß diese Menschen früher gröhlend gegen alles aufmarschiert sind was eine Bundesrgierung überhaupt beschließen konnte, gegen Kapitalismus, gegen Überwachung und Volkszählung.

Miss Ellie* ist ein gutes Beispiel. Gut, sie hat gerne mit Grethe* DiscoFox getanzt, und auch ihre Robo-Dance Verrenkungen passten nicht so ganz zu „We don’t need this Fascist Groove Thang“ von Heaven 17 oder dem „Mussolini“ von DAF. Aber ein Wiedersehen mit ihr war dann doch sehr ernüchternd. Wir brauchen mehr Europa meint sie, und sie würde mich auch gerne mal bei Facebook befreunden, und dann hat sie mir ihr neues Auto gezeigt und dann kam ihr neuer Freund dazu, der keine Ausländer mag, was sich jedoch ganz gut trifft, denn Miss Ellie mag mittlerweile auch keine Ausländer mehr. Darüber Aufklärung zu leisten daß Ellie früher keinen rangelassen hat der nicht deutlich dunkelhäutiger war als ihr mittel-bis nordeuropäisch sommergesprosster Stecher, dazu hatte ich dann und dort keine Lust. Das schreib ich vielleicht mal bei Facebook rein.

Irgendwie kam der Niedergang meiner Generation, als der Eiserne Vorhang verschwand. Meine Versuche Ersatz aus Bleibändern und Goldkanten alter Gardinen zu schaffen sind leider kläglich gescheitert. Ist noch jemandem aufgefallen daß die Flohmärkte auch immer weniger werden? Zsa Zsa Gabor hat sich ja angeblich ein Kostüm daraus nähen lassen, also aus dem Eisernen Vorhang. Vielleicht schicke ich ihr meinen Eigenbau auch, aber nur wenn sie das Porto übernimmt.

* die Namen wurden schon vor Jahrzehnten von der Redaktion geändert

Über George

Bild: "Selbstbildnis mit iPad und brennender Nase" im futuristisch retro-kubistischen Knorpelstil. Über mich erzählen könnte ich einiges, aber das würde nur alle verprellen...
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7 Antworten zu Früher war mehr Pogo

  1. doctotte schreibt:

    Die Menschen sind eben zunehmend mit sich selbst beschäftigt. Ich glaube, dahinter steckt das langfristige Kalkül, um nicht zu sagen: die Heimtücke der Kohl’schen Wende: Durch den extremen Konsumismus stieg der Wert von Statussymbolen. Durch den unabwendbaren Niedergang bestimmter Wirtschaftszweige sank zugleich das Vermögen der Mehrheit, die immer mehr aufwenden muss, um bei den Statussymbolen mithalten zu können. Gleichzeitig wurden die Köpfe durch die gerade von Kohl & Co. protegierten Privatsender mit Konsumismus zugeballert, dass sie nicht mehr an morgen denken konnten (oder bestenfalls: „Morgen kommt das neue Smartphone raus!”). Eben aus diesem Grundkonstrukt entstanden nicht umsonst Sendungen wie „Der Preis ist heiß“ (ja, ich weiß, es ist ein US-Cover, aber es erfüllt schon da seinen Zweck).

    Und weißt Du, was das Schlimmste ist? Dass selbst jemand wie ich, der halbwegs abgeklärt darüber reflektieren kann, nicht in der Lage ist, sich davon freizumachen. Auch ich bin dem Konsumismus verfallen, wenn auch zum Glück nicht so extrem wie die Mehrheit.

    • George schreibt:

      Geht mir doch genauso, geht uns allen so. Man müsstenschon als Findelkind bei einer Familie von Erdhörnchen aufwachsen, um sich dem entziehen zu können. Immerhin gelingt es uns noch das zu durchschauen und dagegen anzustemmen, auch wenn wir nicht immer ganz erfolgreich sind.

      Was mich jedoch ankotzt ist diese Paulus zu Saulus Wandlung, die viele durchgemacht haben und sich nur noch berieseln lassen. Besagte Miss Ellie meinte auf eine Nachfrage hin, sie habe bestimmte Lieder halt so tanzbar gefunden (pfffff…), vom Text (den sie ja immer mitgesungen hat) hatte sie keine Ahnung. Hoffentlich reicht ihr Englisch fürs Wall Street Journal, sie ist nämlich jetzt Finanzberaterin.

      Ja, Kohls „geistig-moralische Wende“ hat voll eingeschlagen, vor allem geistig, in Richtung abwärts.

  2. joulupukki schreibt:

    Zu Miss Ellies Verteidigung: Menschen am Endorphintrip sind ohnehin nur bedingt zurechnungsfähig … da ist Fremdmitleid wahrscheinlich angebrachter, als Fremdschämen oder gar Fremdempörung.
    (Zsa Zsa wurde übrigens beim Grenzübergang geschnappt, als sie den Vorhang dereinst aus dem Osten schmuggelte. Die Kostüm-Story ist eine Mär.)

    • George schreibt:

      Manchmal bin ich schon nahe dran am Fremdmitleid, aber dann überwiegt soch der Ärger über die Ignoranz und EItelkeit. Menschen die überhaupt kein anderes Ziel im Leben haben als irgendwie „gut dazustehen“ verdienen kein Verständnis, auch wenn ich es schon irgendwie bemitleidenswert finde, wenn jemand nur Geld und Status als Endorphinquelle kennt.

  3. warringtonkater schreibt:

    Hm, na ja wir verändern uns das stimmt, aber meiner Erfahrung nach, gibt es die extremsten „Charaktermutationen“ bei den „alten Freuden“, die früher auch schon ihr Fähnchen immer in den Wind gehangen haben. Punk, weils modern war, gegen die Bonzen, weil man ohnehin gerade kein Geld hatte… und heute haben sie Kinder, die sie zum Tennis schicken, sind in der Architekten-Fussballmanschaft und wohnen am KuDamm. Unser kleiner harter Kern, der zwar nicht total verarmt ist, auch gerne mal auf der Couch abhängt und über ein schlechtes Bild mosert, sich aber gewisse essentielle Werte und ein gesunde Weltanschauung (von früher) bewahr hat, schüttelt darüber auch nur die Köpfe.
    Für mich ist das ein Grund, warum ich mich Klassentreffen, Unitreffen und überhaupt Treffen mit Leuten, mit denen ich früher schon nicht viel anfangen konnte stets entziehe.
    Empörend finde ich wie wenig Menschen (ob jung oder alt) so auf meiner Wellenlänge sind und bin dankbar für jeden Verbündeten.
    Der Niedergang kam aber nicht nur bei unserer Generation, sondern auch bei den darauffolgenden. Man muss sich mal vorstellen, dass es Twens gibt, die die Teilung Deutschlands niemals erlebt hatten.
    So und jetzt springe ich aus dem Fenster…

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