Die alte Frau

Als ich klein war, ging ich ab und zu zu einer alten Frau ein paar Häuser weiter. Frau M. war sehr nett, immer wenn ich kam hatte sie Kekse oder Kuchen, und machte Kakao für mich. Es faszinierte mich immer, daß Frau M. stets gut gekleidet war; eine rüschige Bluse, ein dunkler wadenlanger Rock. Dazu trug sie diese Art von Schuhen, etwas klobig aber femininer als Männerschuhe und mit Absatz, die mich immer an Daisy Duck denken ließen. Daisy Duck Schuhe. Meine Oma, die sich für solches Schuhwerk noch zu jung fühlte, nannte sie Altweiberschuhe.

Frau M. trug ihr schlohweißes Haar sorgfältig mit Hornkämmen hochgesteckt. Den Kakao goß sie mir in eine schöne Tasse aus ihrem Service, mit Veilchenmuster und Goldrand, Gebäck gab es auf passenden Tellern. Ein paar Blumen aus dem Garten in einer Vase auf dem Tisch. Ich kannte das zuhause nur von Sonn- und Feiertagen, sonst gab es bei uns nur Becher und die Allltagsteller. Aber hier! Das „gute Porzellan“. Tischdecken. Spitzendeckchen.  Es roch nach Veilchen und Möbelpolitur. Das alles blieb so, bis sie krank wurde und sehr bald darauf starb.

Meine Kindheit war schön. Und sie ist lange her. Ich und so ziemlich alle meine Freunde in der ersten Schulklasse wollten nach der Mondlandung Astronauten werden. Vielleicht dereinst durch das All fliegen, wie Captain Kirk. Nichts schien unmöglich, sogar ein Überschall-Verkehrsflugzeug gab es schon!
Natürlich kam alles ganz anders, nicht zuletzt wegen drei schweren Verkehrsunfällen und zwei Arztbesuchen. Die Folgen der Unfälle bekamen die Ärzte relativ gut in den Griff, mit dem Folgen kann ich leben. Als aber der Hautarzt das erste Mal scharf die Luft durch die Zähne zog, war ich wie betäubt. Beim zweiten mal war ich dafür erstaunlich gelassen. Das kannte ich schon, bestimmt würde alles gut, wie beim letzten Mal 

Ich habe mich mit meinem Alter vielleicht deshalb gut arrangiert, weil ich manchmal dachte, ich würde es nicht mehr erleben. Zugegeben, als dann irgendwann „Altersfleck“ oder „Alterswarze“ als Diagnose kam, war ich zuerst nicht so angetan. Vielleicht war das nur die Überraschung, weil ich mich innerlich schon gegen „bösartig“ gefeit hatte. Den Kampf womöglich zu verlieren, was Schmerzen und Sichtum bedeuten würde. Ja, das wird es wohl sein. 

Es war eine lange Reise hierher. Im Kindergarten gab es immer Tomatensuppe mit Reis, das fällt mir jetzt und hier beim Schreiben ein. Erstaunlich, woran man sich irgendwann erinnert, aber kommen Sie mal in mein Alter. Die Tomatensuppe gab es immer Dienstags. Im Idealfall bekam ich vorher meinen Lebertran eingeflößt (ein Hallo an den @MannvomBalkon), dann blieb der Geschmack nicht so lange im Mund. Man hätte mir zum Nachspülen ja auch etwas zu trinken geben können, irgendwas mit hunterttausend Farbstoffen und E-Nummern. Man war da ja noch nicht so kleinlich.
Hätte. Dabei denke ich an meinen Ex, wegen dem ich mein Studium sausen ließ. War es das wert, für die zwei Jahre bis er mich abservierte, und wo wäre ich heute? Dings, Fahrradkette. Nun habe ich ihn schon 20 Jahre überlebt, wie so viele andere von damals. Bis vor nicht allzu langer Zeit ging das mit AIDS ganz schnell. Auch meinen lieben Freund Jeffrey hat es mir noch genommen, das war 1999, schon wieder 17 Jahre rum.

„’cause tonight we´re gonna party like it´s 1999“. Wie weit in der Zukunft das alles schien. Aber wohl schon näher als zehn Jahre davor, als alles noch „2000“ war. Disco 2000, Zahnpasta 2000, alles war zukunftsgerichtet, und 2000 war die magische Zahl.
Alles würde bis dahin gut, das war die Message. Hunger und Armut raus, Raumstationen rein, der Mensch würde nur noch drei Stunden am Tag arbeiten; so war die Prognose. „Esst mehr Fisch“ hieß es damals noch, die Meere seien quasi unerschöpflich. Kabeljau war so billig, daß wir ihn an unsere Katze verfüttert haben. Tja nun.

Im Lauf der Zeit habe ich wohl einen gewissen Zynismus entwickelt. Das, so habe ich mir sagen lassen, ist die Folge von Enttäuschungen und damit unvermeidlich. Ich habe die halbe Welt gesehen, das gute wie das Schlechte. Insgesamt bin ich toleranter, suche Frieden mit Menschen, gegen die ich aufgebracht war, habe flexiblere Standpunkte und bin debattierfreudiger, wo es das Thema wert scheint.
Weniger tolerant bin ich mittlerweile gegenüber Menschen, die Spielchen spielen oder mich manipulieren wollen; was eben nicht mehr so leicht ist, wie es einmal war, weil man irgendwann gewisse Muster schneller erkennt. Auch wenn ich das Gefühl bekomme jemand verschwendet meine Zeit, bin ich gnadenlos. Wohl weil die verschwendbare Zeit immer knapper wird. 

Hier bin ich also, abseits aller Pläne, weder Astronaut noch Musiklehrer, habe weder eigenes Haus noch Kinder, aber einen lieben Partner und  ein aufgeräumtes Leben. Die kleinen Zipperlein werden natürlich immer mehr, und ja, manchmal nervt es. Mein Hausarzt geht bald in Rente. Ich gehe auf mehr Beerdigungen als Hochzeiten und Taufen. Da muß man durch, denke ich, das alles haben schon Milliarden vor mir erlebt. Keiner kommt hier lebend raus, das ist kein Defätismus sondern schlichte Realität. Mein Gemüt suche ich generell sonnig zu halten, schon als Ausgleich dafür daß ich meine Haut von der Sonne fernhalten soll. Sonne macht eh nur Falten, und davon habe ich auch so genug.

Ich denke an Frau M. Ich benutze täglich mein gutes Porzellan. Auch habe ich stets Blumen in einer Vase. Frau M. hatte einiges hinter sich, wie ich viel später erst erfahren habe. Ganz ehrlich, mit ihr würde ich nicht tauschen wollen.

Worum ging es noch eigentlich? Älter werden? Ach, die paar Kilos, die paar Falten.

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Die zerriebene Mitte

Die Drachenrose hat mir einen Blogeintrag erspart.

Gedanken von Drachenrose

„Es ist immer sehr schwierig, über den Wert politischer Ziele zu urteilen, wenn deren Erreichung noch in weiter Ferne liegt. Ich glaube daher, dass man eine politische Bewegung nie nach Zielen beurteilen darf, die sie laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt.“
Werner Heisenberg

Das Wahlergebnis des „Supersonntags“ war vorhersehbar. Die die daraus resultierende Empörung genauso. Also eigentlich gar nichts wirklich Neues an diesem Sonntag. Alles wie gehabt, alles wie immer. Und doch ist vieles anders. Ausschlaggebend für diesen Wahlsonntag, da sind sich Medien, Wahlforscher und andere Gruppen ausnahmsweise mal einig, ist der politische Umgang mit der Flüchtlingssituation. Diese Problematik teilt die Gesellschaft in Deutschland derzeit in drei Gruppen auf. 

Die erste der drei Gruppen befindet sich deutlich rechts von der Gesellschaft. Über diese Gruppe wurde bereits recht viel geschrieben und von ihr ist nicht viel zu erwarten, außer…

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Todo sobre mi madre. Eine kleine Beichte.

Am Montag kommt meine Mutter nach Hause. Sie war einige Zeit weg. Monate. Denn sie war krank, sehr krank.
Oder im Klartext, meine Mutter war auf Entzug. Das Problem besteht schon seit langer Zeit, rückwirkend betrachtet waren die letzten 25 Jahre eine Abwärtsspirale. Wie es so ist, ging es mit der Zeit immer schneller abwärts, und wie es auch so ist, macht man sich etwas vor. Meine Schwester und ich (und alle anderen in der Familie) hofften immer wieder, es ginge mal aufwärts, was es natürlich nie tat. Nicht auf Dauer.

So belogen wir uns und die Welt um uns, nicht so schlimm, arme Mama, wird schon wieder, es braucht nur Rücksicht, Nachsicht, Liebe. Pustekuchen. Sie hat uns die letzten Jahre das Leben immer schwerer gemacht mit ihren Ausbrüchen, Beschuldigungen, ihrem passiv-aggressiven Getue und zuletzt ihrer Paranoia. Alkoholpsychose nennt man das wohl. Irgendwann hatte sie dann einen lichten Moment, in dem sie selbst bei einer Beratungsstelle Hilfe suchte und an eine Entzugsklinik verwiesen wurde.

Montag kommt sie also wieder. Bei unseren Besuchen dort war sie ein völlig anderer Mensch, ausgeglichen und mit sich im Reinen. Aber die Bewährung kommt natürlich erst, wenn sie wieder in ihren Alltag zurückkehrt. Es wird anstrengend. Wieder mal. Aufmerksamkeit geben, zuhören, zureden, sich selbst zurückhalten. Zu optimistisch mag ich ehrlich gesagt gar nicht sein. Vorhin am Telefon redete sie schon wieder genervt und abfällig über andere in ihrer Therapiegruppe. Ich, ich, meine Probleme, alle anderen sind scheiße …

So, jetzt ist es raus. Ein paar Menschen wussten um das Problem. Bei meinem ältesten Freund C. habe ich öfters versucht mein Herz auszuschütten, immerhin kennt er mich schon sehr lange, und auch meine Mutter. Meine Gesprächsversuche wurden aber abgebügelt. „Deine Mama ist doch cool“, und basta. Er hält mich wohl für einen langweiligen Spießer, der nicht damit klar kommt, eine coole Mama zu haben. Sie war ja auch mal cool, aber das ist lange her, und oft in den letzten Jahren wäre mir ein „Hausmütterchen“ wie seine Mutter ehrlich gesagt lieber gewesen. Er denkt wohl ich lebe den Traum, eine Mischung aus Weeds, Desperate Housewives und Dallas, wo jede Ausfälligkeit ein Schenkelklopfer ist. Im echten Leben ist das aber nicht lustig.

So, jetzt ist das raus, und jetzt schenke ich mir einen Drink ein. Weil ich es kann. Ja, auch bei Twitter mache ich meine Saufsprüche. Aber ich kann auch ohne, und kontrolliere das immer wieder. Komische Sache mit der Sucht. Ich habe schon ganz andere Sachen genommen, und bin noch nirgendwo hängen geblieben. Von gewissen Substanzen lasse ich auch grundsätzlich die Finger, da will ich mein Glück gar nicht herausfordern.
In diesem Sinne: Prost!

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Tabula Rasa

Es geht mir nicht gut. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Ein ziemlich konsistentes Genervtsein bestimmt derzeit mein Leben. Alles nur wegen der blöden Schulter, alles nur wegen … weswegen eigentlich?

Der Hund? Der kann nichts dafür, daß ich mich mitten in den Kampf warf, als er angegriffen wurde. Blöd bin ich selber. Das macht es nicht besser, bequemer ist immer, wenn jemand anders schuld ist.

Mir fehlt meine Musik. Lange hat es gedauert, bis ich wieder zu ihr fand. Zu lange habe ich nicht selbst musiziert, und als ich wieder anfing wurde mir klar, wie sehr ich es vermisst hatte, ohne es wirklich zu vermissen. Bratsche zu spielen war etwas neues, etwas anderes als früher die Geige. Eine Herausorderung, ein Punkt der Tagesordnung. Das war meins, etwas das ich nur für mich tue, etwas das mir Spaß macht, Befriedigung und Erfolgserlebnisse beschert. Das fällt vorerst flach, und ich vermisse es sehr!

Die Ärzte halten sich bedeckt. Auf meine Frage „Das wird aber wieder?“ fing der Orthopäde neulich nur an den Kopf hin und her zu wiegen, und meinte „Nnnngjjjjjaaaeeeiinnnääääh, das ist das Ziel.“ Nicht hilfreich.

Ich machte dann Termine zur Akupunktur, weil mein Physiotherapeut meinte, ein guter Teil der Blockaden sei muskulär. Bei der letzten Physiotherapie sprach ich das dann an, und er meinte, er bezweifle doch sehr, ob das was bringen werde. Nicht hilfreich!

Daß ich das alles, Physio und Akupunktur, aus eigener Tasche bezahle, weil das Maximum der Krankenversicherung schon nach ein paar Wochen erreicht war, ist der Stimmung auch nicht gerade förderlich. Ich will das richtige tun, ich will alles tun was hilft, aber fühle mich bei der Entscheidung alleine gelassen. Kannschon,  ja, hmm, weiß nicht, wird schon, aber wer weiß…

So bin ich denn einfach genervt! Sätze wie „Da musst du/müssen Sie jetzt stark sein/durchhalten“ oder „Dies und jenes werden Sie dann leider nicht mehr können“ hab ich schon zu oft gehört.  Ich habe schon Abstriche gemacht, wieder und wieder , will mir aber an diesem Punkt meines Lebens nicht noch etwas wegnehmen lassen, das mir wichtig ist.

Und dann erst die Herumsitzerei. Nichts tun können. Nicht bis oben ins Regal reichen können. In einer Position schlafen, in der ich nicht gut schlafen kann. Am nächsten Morgen gerädert aufwachen, und mich nicht richtig strecken können. Immer die selben paar Sachen anziehen, die schon ganz ausgeleiert sind, weil ich immer den linken Arm quasi ins Ärmelloch hängen lasse, und mir die Sachen dann mit dem rechten über den Kopf anziehe. Der rechte Arm tut mir übrigens auch schon weh, weil der ja seit fünf Monaten alles alleine hebt, trägt und macht.

Das Positive an solch einer Situation ist, daß man mal Zeit hat, gründlich nachzudenken. Das Negative daran ist, daß man viel zu viel nachdenkt. Womöglich hätte mich die Situation mit meinem besten und ältesten Freund weit weniger genervt, wenn ich voll auf dem Damm wäre. Und da gibt es noch einiges anderes, die Liste wird immer länger.

Aber jetzt, ganz ruhig, ein- und ausatmen, Ommmmm….. Positiv denken!
1. Schulter ist immer kompliziert, das kann schon mal ein Jahr dauern. Das Gute: Ich hab schon fast Bergfest!
2. Man muß nicht so doof sein wie ich, in meiner Physio-Praxis ist eine Frau, die das gleiche hat wie ich. Ist einfach mit dem Fahrrad umgekippt.
3. Fällt mir gerade nicht ein, aber ich finde schon etwas.

Wer weiß, wenn das alles vorbei ist, habe ich vielleicht ein viel aufgeräumteres Leben. Tabula Rasa machen ist hier und da einfach notwendig. Hey, das könnte 3. gewesen sein. Aber ich lasse es einfach mal so stehen.

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Ein Freund, ein guter Freund…

So, ich habe meinem ältesten und einst besten Freund die Freundschaft entzogen. Leicht war es nicht, irgendwie hängt man doch an Menschen, die ein Bindeglied zu alten Zeiten und vielen Ereignissen sind, zumindest ab einem gewissen Alter. Wir haben viel zusammen durchgemacht, hatten viel Spaß, hatten vieles gemeinsam. Doch die Gemeinsamkeiten sind irgendwie weggeschrumpft. Menschen ändern sich mit der Zeit, und er hat sich stark verändert.

Achtung: Kein Lesezwang. Es ist ja meine persönliche Kacke, und zu retten ist nichts mehr. Eigentlich schreibe ich das hier mehr für mich, um Gedanken zu sortieren. Schreiben hilft. Also…
Meine Probleme mit C. würde ich folgendermaßen auflisten:

1. Drogen. Ich bin da weiß Gott kein Unschuldsengel, aber er hat lange und stark über die Stränge geschlagen, womit er schon vor 20 Jahren unsere Freundschaft gefährdete, sich selbst schädigte, und seine Kifferei ist mir einfach zu viel.
Ich war noch nie bei ihm, ohne daß pro Stunde mindestens ein fetter Joint geraucht wurde. Er braucht für einen kurzen Satz zwei Minuten, bekommt Wortfindungsstörungen und verliert den Faden, wobei er immer „…tärä, tärää, täteräää…“ sagt (was mich auf Dauer rasend macht!).
Das ist wohlgemerkt nicht meine Hauptkritik, sondern steht an erster Stelle, weil ich darauf noch zurückkommen werde.

2. Er meldet sich kaum noch. Vielleicht alle zwei Monate, dann ruft er, der Nachtmensch, mich um 23 Uhr an, und redet mir für zwei Stunden das Ohr ab. Geht es um Filme, wo wir früher den gleichen Geschmack hatten, ist er grundsätzlich anderer Meinung, wird belehrend, und lässt meine Meinung nicht gelten. Er findet die ödesten Filme toll, vielleicht auch wegen Punkt 1. Ich finde auch einige Filme gut, die nicht perfekt sind, und weiß genau um ihre Schwächen. Das lasse ich dann halt gelten, und mache andere deswegen nicht nieder. Sorry, vieles was ihm gefällt fand ich halt nicht so toll. Das wäre mit fünf Tüten vielleicht anders gewesen.

3. Nochmal Film. Ich habe ihm einige Filme ans Herz gelegt, und meine DVDs geliehen. Die lagen teilweise Jahre unbeachtet herum. Keine Zeit. Aber für seine Lieblingsserien, die er aus den USA bestellt, hat er immer Zeit, da wird eine Staffel auch sieben Mal (ja!) nacheinander immer wieder angesehen. Irgendwann kam dann auch mal die Meldung, mann, dieser und jener Film wäre ja echt toll, den habe er im Fernsehen gesehen. War so bei Captain America. Die DVD liegt immer noch bei ihm. Kann er behalten.

3. DVD, und andere Technik: Ich habe ihm, weil er schon öfter ein Handy hätte gebrauchen können, ein paarmal angeboten, er könne mein Reservehandy haben. Nein, er wolle kein Handy, sowas braucht kein Mensch. Als sein Hund angefahren wurde habe ich es ihm nochmal angeboten, und er wurde richtig patzig. Nein, ein Handy komme ihm nicht ins Haus. Als ich einen neuen Blu-Ray Player gekauft habe, bot ich ihm meinen alten an, ein gutes Gerät, nicht das billigste. Nein, Blu-Ray sei Quatsch, DVD alles was man braucht. Bald darauf hatten die beiden einen Blu-ray Player, den gleichen wie ich jetzt. Neuerdings auch ein Handy…

4. Widerspruch. Wie aus 1-3. ersichtlich, wird mir stets widersprochen. Neulich meinte C. noch, er habe irgendwo eine Featurette über den neuen X-Men Film gesehen. Da seien wichtige Szenen geschnitten worden, die entscheidend zur Handlung beitrügen. Da nun die Blu-ray herauskommt, die er sich kaufen will, wies ich ihn darauf hin, daß im Januar ein Director’s Cut erscheint, mit besagten Szenen. Nee, das sei Blödsinn, und diese Szenen völlig unnötig.
Weiß er nicht mehr, was er gesagt hat? Oder widerspricht er um des Widersprechens willen? Um mir etwas zu signalisieren?
Noch etwas. Als ich ihm vor längerem irgend einen Film in 3-D empfohlen habe, wollte er nicht, 3-D sei scheiße, davon bekomme er immer Kopfschmerzen und fange an zu schielen. Komisch, bei allen 3-D Filmen, die er bis dahin gesehen hatte, waren wir früher zusammen im Kino. Und beklagt hat er sich nie, sondern fand das eher toll.
Irgendwann ging er dann auf jemand anderes Empfehlung hin in einen 3-D Film, und meinte zu mir, das sei ja echt toll gewesen, und er habe auch gar nicht geschielt. Er meinte dann, es täte ihm echt leid, diesen und jenen Film nicht in 3-D gesehen zu haben. Ich bot ihm an, ein paar davon bei mir anzusehen, er druckste nur herum, und das bringt mich schon zu

4. Besuch. Er war seit etwa sieben Jahren nicht mehr bei mir. Wenn ich ihn sehen wollte, fuhr ich immer zu ihm. Der Bus geht von mir um die Ecke in zehn Minuten zu ihm um die Ecke, also keine Viertelstunde Wegzeit. Er und sein Partner B. sitzen nur in ihrer Wohnung und halten dort Audienz.
Ich weiß nicht, wie es mit anderen Besuchern läuft oder ob es die gibt, aber wenn ich da war lief immer der Fernseher. Immer. Und während der Gespräche wurde auch immer wieder zum Fernseher hingesehen. Ich finde das störend, Wenn ich über ernste Themen rede, und mein Gegenüber fängt an, über Stefan Raab zu lachen, finde ich es sogar unverschämt.

5. Was unternehmen? Bei denen ein Stück die Straße runter gibt es immer ein schönes Stadtteilfest. Kunterbunt, mit Blasmusik, Bauchtanz, voll MultiKulti, schwul, lesbisch, Mann, Frau, und alle Schattierungen dazwischen. Ich liebe dieses Fest. Leider konnte ich C. und B. noch nie dorthin bewegen, die 50 Meter die Straße hinunter. Ich solle doch lieber zu ihnen hoch kommen, auf „die vielen Menschen“ hätten sie keinen Bock. auch habe ich stets im Nachhinein erfahren, daß C. Urlaub hatte, teilweise drei Wochen. Vorher hat er sich nie gemeldet; Gott behüte, ich hätte ihn ja fragen können ob wir gemeinsam etwas unternehmen wollen, oder hätte ihn zu mir eingeladen, dann hätte er wieder herumdrucksen müssen.

6. In den endlosen Monologen geht es nur darum was er toll findet, was ihm oder B. passiert ist, was ihrem Hund passiert ist. Bei unseren letzten Gespräch ging es um B. der am Wochenende eine halbseitige Gesichtslähmung bekam. Katastrophe! Die beiden haben dann wohl Gott und die Welt angerufen, darunter den Ex von B., einen Mediziner.
C: „…der sagte, das ist eine Fa… Fas…“
Ich: „Facialisparese.“
C: „Ja, stimmt, woher weißt du…?“
Ich: „Weil ich das letztes Jahr hatte.“
C: „Ach ja, stimmt. Du hast da irgendwas… na jedenfalls, der arme B., blablabla…“
Ist ja auch egal, wie es mir geht, und ob meine Lähmung jemals wieder wegging. Nach meiner Schulter wurde ja in vier Monaten auch nicht gefragt. Als ich in einem Dauertelefonat mal meinte, ich müsse jetzt dann aufhören, weil ich Schmerzen hätte, wurde ich glatt nach dem Warum gefragt.
Beim Verweis auf meine Schulter kam lapidar „Ich dachte, du hättest die nur ausgekugelt?“
Ach ja, ihr Hund war in eine Glasscherbe getreten und hat leicht geblutet, was natürlich schlimmer war, als daß unserer kaum noch laufen konnte.

Anyway. Dies alles ist nur ein kurzer Abriss. Ich brauche jedenfalls keine Freunde, die mich nur zulabern, die nicht einmal nachfragen können, wie es mir und meiner kleinen Familie geht, die mir keine Meinung lassen. Ich habe wohl zu lange aus Sentimentalität an etwas festgehalten, das schon lange nichts mehr mit der einstigen Freundschaft zu tun hat. Damit ist nun Schluss.

Lieber C., ich habe keine Ahnung, welches Problem du mit mir hast, ob überhaupt eines, oder ob du nur einsiedlerisch und merkwürdig wirst. Ich werde unsere schönen Zeiten immer in Ehren halten.
Und das war’s. Lebe wohl.

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Genug gejammert!

Nun ist es genug. Ein gewisses Maß an Wehleidigkeit und Zurückgezogenheit erlaube ich mir, weil in in diesen Zeiten viel nachdenke. Mein Fazit:

Ich glaube bei meiner Mama besteht echt Grund zur Hoffnung. Gut, das habe ich schon öfter gedacht, aber diesmal könnte sie den Sprung schaffen, ihre schlechten Gewohnheiten endlich besiegen. Man wird ja sehen. Die Hoffnung stribt zuletzt, nicht wahr?

Meine eigenen Baustellen gehe ich jetzt rabiater an. Ich hätte wohl selbst mehr für meine Schulter tun können, z.B. gewisse Übungen zuhause machen etc. Die tun zwar weh, aber nichts zu tun bringt halt auch nichts. Zur Physio nehme ich jetzt einfach ein Schmerzmittel, um es besser auszuhalten; dann kann der Therapeut mir ruhig die Gelenkkapsel dehnen, es muß ja sein. Auch hier, von nichts kommt nichts.
Sollte die Versicherung streiken, zahle ich mir weitere Sitzungen einfach selbst. Ich habe noch Geld auf Sparkonten(!) herumliegen, die Zeiten, als das noch wenigstens so viel an Zinsen brachte, wie es entwertet wurde, sind ja nun auch schon länger vorbei. Da erscheint mir meine Gesundheit doch als die bessere Investition.

Freunde, die Freundschaft nur als Einbahnstraße sehen, werden erbarmungslos abgesägt. Schluß mit der Sentimentalität, auch jahrzehntelange Freundschaft kann sich überleben. „Schon über 30 Jahre“ ist doch im Grunde genau so eine erbärmliche Ausrede wie „wegen de Kinder“. Vorbei ist vorbei, da hilft nichts.

Tschaka!

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Vorsicht! Baustelle!

Ich habe momentan nur Baustellen. Es zehrt langsam an mir. Die vergangenen paar Jahre sagte ich mir stets bei allem, was passierte, das sei nun mal so wenn man älter wird, „da kommt halt mal was daher“. Doch es summiert sich, zehrt und nagt an mir.

Die längste Baustelle ist meine Mutter. Alkohol und Depressionen, schon lange Zeit, immer die Hoffnung es würde besser, was es zeitweise auch tut. Bis zum Rückfall. Neulich wieder Hoffnung, sie will jetzt trocken werden, in Therapie gehen um endlich ihre Probleme aufzuarbeiten. Getrunken hat sie seither nichts, mit der Therapie wird es jedoch schwierig, weil die Therapeutin sie „unverschämt private Sachen gefragt hat“. Ähm, ja… Und überhaupt, seit letzter Woche liegt sie wieder mal im Krankenhaus, weil sie einen heftigen Anfall von Riesenzellenarteritis (Polymyalgia Rheumatica) durchleidet.

Zweite Baustelle ist mein bester Freund, bzw. vormals ebensolcher. Das ist längst keine Freundschaft mehr. Wenn ich nicht zu ihm komme, sehe ich ihn nicht. Wir wohnen nur ein paar Busstationen voneinander entfernt. Nicht einmal zu Straßenfesten direkt bei ihm an der Ecke kann man ihn aus dem Haus locken. Er meldet sich nur, wenn er gerade mal Lust hat, was meistens nach 23 Uhr ist, und quatscht mich dann für zwei Stunden nieder. Bevormundet mich, korrigiert meine Ansichten, Filme die ihm gefallen hab ich halt nur nicht kapiert, etc. Wir haben und weit voneinander entfernt, das hat keinen SInn mehr.

Tja, meine Schulter. Baustelle Nummer drei. Ausgekugelt, warum eigentlich? Ach ja, der Hund. Hat sich voll rentiert. Nun sind es bald drei Monate, und es geht nicht viel vorwärts, oder nicht so wie ich es gerne hätte. Bald wird die Krankenkasse mir die Physio streichen, dann muß ich sie halt selbst bezahlen. Jede falsche Bewegung schmerzt, alles ist so mühsam im Alltag, und das wird sich wohl noch Monate hinziehen.

Es nervt, alles nervt. Meine Schwester heult nur noch wegen meines Neffen, den ich schon lange in ein Erziehungsheim gesteckt hätte. Mein Schwager hat Kieferhöhlenkrebs. Meine beste Freundin nervt mich mit Aufmunterungsversuchen, weil sie „ihren lustigen George“ vermisst. Mäh… und von dem ganzen Chaos draussen in der Welt will ich gar nicht anfangen. Ich hätte gerne einen Tobsuchtsanfall oder einen Heulkrampf, ich denke nachher ginge es mir besser.

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